Nordkurier vom 05.05.2006
Biber fällen fleißig Bäume an der Peene
NATUR
Seit er vor rund 30 Jahren wieder im Peenetal angesiedelt wurde, hat sich der Biber hier zur festen Größe in der heimischen Tierwelt entwickelt.
VON STEFAN HOEFT
OSTVORPOMMERN. Dass es im Peenetal wieder zahlreiche Biber gibt, ist momentan gut zu beobachten. Wie zum Beispiel am ehemaligen Kleinbahndamm bei
Jarmen. Dort nämlich ist das größte Nagetier Europas gerade dabei, den gesamten Weidenbestand abzuholzen, zumindest die großen Exemplare.
Was auf den ersten Blick wie zügelloser Vandalismus ausschaut, ist in erster Linie wohl dem lang anhaltenden Winter geschuldet - und dem Hunger des
vierbeinigen Wasserbauingenieurs. Der nämlich hielt keineswegs Winterschlaf während der eisigen Saison.
Im Gegenteil: Er muss sich deutlich mehr als sonst bewegen, um das nötige Futter für sich und seine Familie heranzuschaffen. Denn im Sommer leben die
samt Schwanz bis zu 1,40 Meter langen Nager vor allem von Gräsern, Kräutern, Sträuchern, Schilf und Wasserpflanzen.
Gegenwärtig jedoch ist solche Kost rar, muss der Biber mit den unterirdischen Trieben von Wasser- und Uferpflanzen Vorlieb nehmen sowie mit Rinde,
Laub, Zweigen, feinen Ästen und Knospen. Letztere allerdings befinden sich überwiegend hoch in den Bäumen, sind für den an Land eher schwerfälligen
Gesellen im Normalfall schwer zu erreichen, denn Klettern ist nicht seine Sache.
Also fällt er kurzerhand die Bäume. Mit seinen granitharten vier großen Schneidezähnen — die ständig nachwachsen — sind selbst Stämme mit einem
Durchmesser von 40 Zentimetern kein Problem, sondern in einer Nacht sprichwörtlich hinfällig. Am liebsten hält er sich an die weichen Weiden,
mag aber auch Birken und Erlen gern.
Gefressen wird meist nicht am Holzeinschlagsplatz, schon gar nicht, wenn der etwas weiter vom Wasser entfernt ist. Stattdessen zerlegt der Biber
die Bäume, schleppt sie oft astweise zum nächsten Graben oder gleich direkt bis kurz vor die Haustür, wo er es sich dann in relativer Sicherheit
gut gehen lassen kann. Wenn nötig, verwendet er dickere Äste zudem für den Ausbau seiner Wohnburg.
Die steht selten direkt am Fluss, eher an Altarmen und Torfstichen oder Kanälen, hat aber einen unter Wasser liegenden Eingang. Zum Einen bietet
das Schutz vor ungebetenen Besuchern von der Landseite, zum Anderen befindet sich der ausgezeichnete Schwimmer bei Ausflügen so immer sofort in
seinem Lieblings-Element. Selbst wenn die Oberflächen der Seitengewässer großteils zugefroren sind, kommt er immer gut nach Hause. Allerdings sind
seine Burgen und Futterstellen im Winter, insbesondere nach Schneefällen, viel besser auszumachen als sonst. Die Schleifspuren der Äste beispielsweise
sind leicht zu verfolgen, auch sein abgeplatteter ovaler Schwanz hinterlässt eine unverkennbare Spur.
Im 19. jahrhundert war der Biber in Deutschland nahezu ausgerottet, Mitte der 1970er-Jahre startete an der Peene ein Wiederansiedlungsprogramm —
angesichts der hiesigen optimalen Lebensverhältnisse mit überwältigendem Erfolg, die Population stößt schon an ihre Grenzen. Mittlerweile hat
sich der Nager von hier aus auch die Tollense und Trebel erobert.